"Im Jahre 1974 im Maulwurf"

von Uli Tunisch

 

Es ist einer dieser typischen frühen Spätsommerabende, an denen ich mich mal wieder in den Maulwurf begab. Ich kam rein und begrüßte Lutz und Shlomo hinter der Theke und war gespannt, wen ich heute alles treffe. Zur Begrüßung singt mir Suzie Quatro aus der Musikbox etwas von ihrem "48 Crash". Da ist ja auch Angelika und der andere Lutz ist ja heute auch zu Besuch. Ich fühle mich langsam heimisch und bestelle mir erstmal ein "Alt". Ich gehe zunächst hoch und gucke, wer sonst noch so da ist. Teils vom sehen her bekannt, oder auch gar nicht. Naja, je später die Stunde desto feiner die Gäste. Nach einer kurzen Zeit der Lautlosigkeit ertönt nun wieder voller Inbrunst der Titel "Nutbush City Limits" von Ike & Tina Turner. Der hat eine Ausstrahlung, dass man einfach in den Knien wippen muss. Plötzlich geht die Tür auf und ein gänzlich in schwarzem Leder gekleideter Rocker steht in der Tür mit den Traummaßen "2 Meter X 1 Meter". Mein Gedanke geht in die Richtung zu fliehen, denn in den letzten Monaten suchten Vahrenheider Rocker hier eine Zuflucht um sich kostenlos zu besaufen. Derjenige, der ausgeguckt wurde, durfte für seinen Belagerer Getränke bestellen oder es gab reichlich auf's Maul. Wenn die Herren unleidlich waren, blitzte auch schon mal das Messer unter der Kehle. Wer konnte da noch widerstehen? Nun stand dieser Kerl da im Raum und ich wäre der Typ mit der besten Chance gewesen, hier und jetzt abzuhauen. Dummerweise war es Usus, den ersten flüchtenden einzufangen und abzupressen. Von daher traute ich mich nicht raus. Draußen war ein unheimlicher Motorenlärm und die Unsicherheit im Maulwurf stieg an, dass es zu so etwas wie einem Endschlag kommen könnte. Der überaus massige Typ bestellte bei Lutz hinter der Theke ein großes Pils und einen Whisky und fragte, wie denn hier die Stimmung so sei? Gleichzeitig rückten die nächsten Vertreter des Clubs ein. Alles Kleiderschränke mit Jeans und kurzärmligen Lederwesten mit MC-Symbolen drauf, unter denen massige Muskelpakete hervorquollen. Kurzum hielt alles, was im Maulwurf war, die Luft an vor Schreck und es trat eine gewisse Schockstarre ein. Nachdem wir nun ca. 15 Minuten später so um 10 oder 12 Männer dieses Kalibers im Maulwurf hatten und immer noch nichts abgrundtief schlimmes passiert war, fragten sich alle, ob alles nur falscher Alarm war. Die Vahrenheider hatten sonst zu diesem Zeitpunkt schon ihre Opfer gefunden. Der Erste drückte schon wieder einen Titel in der Jukebox und David Bowie besang wieder einmal "The Jean Genie". Plötzlich ging nochmals die Kneipentür auf und Paul G., mein alter Kumpel aus meiner Berufsschulklasse aus Peine stand in der Tür. Mit ihm war ich in dem oberflächlichen Klassenverbund relativ eng befreundet und er brachte mich mit seiner schweren Honda auch zweimal bis vor die Haustür. Ich berichtete ihm vom Maulwurf als die ausgeklingteste Kneipe in Hannover. Er gab es an seine Gang weiter. Als ich ihn dort sah, hätte ich ihn fasst geknutscht. Keine Vahrenheider Rocker, sondern der Sohn des Peiner Schuhfabrikanten mit seiner Gang. Wir hatten uns mindestens ein 3/4 Jahr nicht mehr gesehen, seit unsere gemeinsame Berufsschulzeit endete.Soweit ich in meiner Geschichte des Maulwurfs denken kann, war das einer der geselligsten Abende überhaupt in der Kneipe, zumal vorher mal wieder mit übelsten Machenschaften zu rechnen war. Die Jungs waren im prächtiger Stimmung und es gab eine ziemlich herzliche alkoholische Verbrüderung. Die Frage wäre zum Abschluss, was passiert wäre, wenn gerade an diesem Abend die sonst so gewalttätigen Vahrenheider Rocker hier aufgelaufen wären. Im Sinne des humanitären Geistes, möchte ich diesen Gedanken jetzt nicht weiter verfolgen. Ob das Inventar des Maulwurfs dem standgehalten hätte, wage ich aber zu bezweifeln.