"Eine Kurzgeschichte"

von Detlev Goldau

 

Reisten irgendwelche Freaks, Weltenbummler oder Außerirdische zufällig nach Hannover, so traf man sie zwangsläufig im Maulwurf Es gab einfach keinen anderen Platz, wo sie hätten hingehen können. So lernte ich eines Abends dort ein solches Exemplar kennen: einen Holländer namens Jan Spruitenburg, der sich kurz Ali Baba nannte. Er kam aus Amsterdam und war seit Jahren in aller Welt unterwegs, lebte vom Handel mit Miniatur-Antiquitäten, kleinen Holzschnitzereien, Bernstein, Jade, irgendwelchen Teilen, die er mir auch zeigte. Es wurde spät und ich bot ihm eine Übernachtung an, er wollte aber lieber in freier Natur nächtigen. In Anbetracht dessen, dass es aber Winter war, nahm er auf Drängen meinerseits das Angebot doch an. Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern in der Seelhorststrasse, eine Distanz, die sich vom Maulwurf aus zur Not auf allen Vieren bewältigen ließ. Wir schlichen uns also in die Wohnung und obwohl ich eine zweite Matratze im Zimmer hatte, bestand er darauf, auf dem harten Boden zu schlafen. Am nächsten Morgen gab es ein riesen Theater: er war meiner Mutter im Badezimmer begegnet. Oder besser gesagt: sie ihm ( er war es offenbar nicht gewohnt, Türen hinter sich zu verschließen, geschweige denn sie abzuschließen..). Hatte ich erwähnt, wie er aussah? Sein Alter war für mich schwer zu schätzen, er war auf jeden Fall über 30, also uralt ( ich war 18 oder 19), war mittelgroß, sehr schlank, muskulös und sehnig, hatte glatte mittelbraune Haare bis zum Hintern und war von Kopf bis Fuß tätowiert ( ich hatte später immer das Bild von dem Indianer mit der Harpune aus dem Film >Moby Dick< vor meinem geistigen Auge...). Das war mir vorher so natürlich nicht aufgefallen, und wenn schon, aber wie er da so in der Unterhose in meinem Zimmer stand, draussen meine keifende Mutter..., es war ein besonderer Augenblick. Meine Mutter musste zum Glück bald los, ihre kleine Buchhandlung aufschließen. So saßen wir also mit meinem Vater am Frühstückstisch, er war damals schon weit über 70, und die beiden verstanden sich bestens. Sie unterhielten sich in verschiedenen Sprachen miteinander, unter anderem auf russisch und chinesich. Das ist jetzt kein Witz, mein Vater war 1904 in Tientsin/China als Auslandsdeutscher geboren worden und lebte über 40 Jahre in Südostasien, sprach 4 oder 5 Sprachen fließend. Sie sprachen vorwiegend über das Thema Religionen, eines der Lieblingsthemen meines Vaters. Er war frei von religiösen Engstirnigkeiten und betrachtete Menschen ausschließlich als das was sie waren, als Menschen. Irgendwann verabschiedete sich unser Gast und Ali Baba zog hinaus in die Welt, nicht ohne mir seine Adresse in Amsterdam hinterlassen zu haben. Und seinen besten Freund Eddi, Gitarrist bei der holländischen Rock'n'Roll Band >Long Tall Erni & the Shakers<, sollte ich unbedingt in Arnheim besuchen, weil ich ja auch Gitarrist war (und immer noch bin). Wochen oder Monate später kam ich also tatsächlich nach Amsterdam, was für mich in diesen Zeiten keine Seltenheit war, Festival of Fools, Herman Brood im Paradiso oder Sweet Smoke ( das war eine Musikgruppe...!) im Vondelpark, es gab viele Gründe, diese unglaubliche Stadt zu besuchen. Ich fand das Haus problemlos, die Beschreibung war exakt, aber den Namen Jan Spruitenburg hatte dort noch nie jemand gehört, und es gab nur zwei Wohneinheiten in diesem Haus... Wieder Wochen oder Monate später begegnete ich Ali Baba tatsächlich erneut im Maulwurf. Natürlich war das erste, was ich zu berichten hatte, die Geschichte aus Amsterdam und er konnte mir glaubhaft versichern, dass ich durch das Haus hätte durchgehen müssen und im Hinterhof, ja, da wäre das Haus seines Vaters, bei dem er wohne, wenn er mal im Lande sei.... An diesem Abend hatte er eine andere Mitschlafgelegenheit, ich kannte die Frau vom Sehen. Und er schwärmte noch immer von dem weisen alten Mann, meinem Vater. Für meine Freunde und mich aber war Ali Baba der Guru und mein Freund Ruben ging damals so weit, weil er diese Art von Leben vollständig glorifizierte, dass er die Schule abbrach und sich ebenfalls auf Reisen begab. Er war über ein halbes Jahr in Spanien, ich reiste zweimal hinterher, aber das sind andere Geschichten. Wochen oder Monate später besuchte ich also wieder diese magische Stadt und natürlich führte mich der Weg direkt ohne Umwege zu diesem Haus, in den Hinterhof..., aber es gab keinen Hinterhof. Jedenfalls nicht mit einem Haus darin wo ein Herr Spruitenburg hätte wohnen können..., da standen ein paar Mülltonnen und eine hohe Mauer begrenzte das Grundstück. Dafür traf ich an diesem Wochenende eine ehemalige Klassenkameradin. Sie war geschminkt wie ein Weißclown, es fand gerade das Festival of Fools in Amsterdam statt, und sie hatte die Schule aufgegeben, lebte jetzt in Amsterdam, wovon auch immer. In Arnheim bin ich bis heute nie gewesen und einen Eddi hatte Long Tall Erni, der im übrigen eigentlich Arnie hieß und tatsächlich aus Arnheim kam, nie in seiner Truppe....