Der "Wurf"

 

Doch seine Freudigkeit vergeht
Ein Maulwurf wühlt im Pflanzenbeet

Der Maulwurf

...ein "abendliches Bierlokal für Studenten und Jugendliche" öffnete im September 1968 seine Pforten.

Vorher, von Dezember 1950 an, beherbergten die Räumlichkeiten unter verschiedenen Inhabern die Speisegaststätte "Härke-Quelle", die vom letzten Wirt, Karl Brieger, am 31.7.1968 geschlossen wurde.
Die neue Inhaberin war Alice Stahlberg, die auch die "Tempo" Gaststätte in der Karmarschstraße betrieb, der Geschäftsführer war Wolf von Woellwarth. 

Das ca. 60 m² große schlauchförmige Lokal, bestand aus einem im Erdgeschoß gelegenen Schankraum, der über eine schmale vierstufige Treppe durchgängig mit zwei kleinen, höher liegenden Gasträumen verbunden war. Dazu kamen zwei Klos und einige für das Publikum nicht zugängliche Büro- und Lagerräume. In den oberen Gasträumen standen je vier Tische, und als Sitzgelegenheiten dienten die üblichen Kneipenstühle bzw. einige an den Wänden fixierte Sitzbänke. Über den Tischen sorgten abgehängte Radnabenlampen für eine warme Beleuchtung und im Laufe der Jahre auch für die eine oder andere Beule an den Köpfen der Gäste.

Das neue Konzept, das sich an der Schwabinger Szenekneipe "Bauernwirt" orientierte, erforderte einige weitere Umbauten. So wurde unter anderem eine Zwischendecke eingezogen und die Wände vom Münchner Künstler Stefan Belzig mit Maulwurfmotiven bemalt. 
Laut Schankerlaubnis bezifferte sich die Platzanzahl auf "ungefähr 50". Die Öffnungszeit war täglich von 19:00 bis 01:00 Uhr. Das sich einstellende Publikum, rekrutierte sich hauptsächlich aus Studenten und Schülern, politisch Aktiven, Provokateuren, "Lederjacken", "Langhaarigen", Neugierigen - war also überwiegend jüngeren Jahrgangs.
Diskutieren und Politisieren machte Durst! Alleine an Bier wurden monatlich bald 75-85 Hektoliter gutes "Härke" ausgeschenkt!!! Hatte jemand Schmacht, standen im so genannten "Hungerturm" Schmalzbrote, Landknacker und Frikadellen bereit.

Im Stadtführer "Hannover von 7 bis 7" von 1970 las sich das so:

" Der Maulwurf                                                                   

Lavestraße 79, Tel. 24978

19:00-1:00, Bier DM 0,60

Der Name definiert verblüffen treffsicher, was Sie erwartet, denn um sich durch die täglich hier versammelte Fülle junger Leute durchzuschaufeln, müssen Sie, falls Sie ihre stille Liebe gerade am anderen Ende entdecken, die Eigenschaften dieses bemerkenswerten Tieres mitbringen, um zu Ihrem Idol vorzudringen, oder die Routine der bedienenden Jungs besitzen. Wenn nicht, empfehlen wir, einfach stehen zu bleiben , irgendwie wird das Bier oder das Schmalzbrot schon über die Köpfe hinweg zu Ihnen balanciert werden, und außerdem ist man hier so oder so aus der gleichen Kiste, also können Sie geradewegs mit Ihrem Nachbarn ins Gespräch einsteigen. Abendlicher Marktplatzkonvent im Saale und überwiegend im Stehen, Versammlungsort der Twens von TU und denkverwandter Herkunft, Umschlagplatz für weitere nächtliche Unternehmungen. Ein ganz und gar stilreines Treffpunklokal der auch altersmäßig gehobenen Jugend."

Ende der 60er war die Zeit der "Happenings" und der "Sit-Ins", der Großdemonstrationen und der hannöverschen "Rote Punkt Aktion" und das Leben spielte sich damals zunehmend auf der Straße ab. So auch hier. Unter anderem deshalb, begann für die Inhaberin bereits im Frühjahr 1969 der Ärger mit den Anwohnern und den Behörden, der sich in der Folge zu einem andauernden Kleinkrieg entwickelte
Wie aus Beschwerdebriefen und aus Polizeiprotokollen hervorgeht, war "ungefähr 50" oft die Anzahl der Gäste, die sich unbefugt Bier trinkend und lärmend vor dem Lokal auf dem Fußweg aufhielten. 
Bald wurde Strafantrag wegen "Vergehens gegen das Gaststättengesetz" gestellt, und es drohte der Konzessionsentzug. Das konnte letztendlich abgewendet werden. Das Verfahren wurde eingestellt, und man gelobte Besserung. 
Auch politisch entspannte sich die Lage in Deutschland ein wenig. Die neue Sozial-Liberale Bundesregierung ging auf Schmusekurs, beschloß Sozialreformen und liberalisierte das Strafrecht. Die große Masse der Studenten und der APO trat den "Marsch durch die Institutionen" an.

Anfang der 70er betraten die so genannten "geburtenstarken Jahrgänge" das Parkett und der "Summer of Love" kehrte mit mehrjähriger Verspätung in Hannover ein. Nach Helmut Schmidts "Haarnetzerlaß" hatten nun selbst viele Bundeswehrsoldaten eine "lange Matte". Die politische Streitkultur wich einem gewissen Hedonismus und die beliebten Vietnamjacken wurden bunt bemalt und bestickt oder gegen Afghanenmäntel getauscht. Samthosen und Indien-Look und das Färben der Haare mit Henna kamen in Mode. Im Maulwurf duftete es nach Patchoulie, Gras- und Pfirsichöl. 
Statt Marx, Adorno und Marcuse wurde nun Castañeda, Leary, Hesse und Bukowski gelesen, und einige Gäste experimentierten mit Halluzinogenen. Letzteres rief nun wiederum den "Freund und Helfer" auf den Plan, und von nun an gehörte auch das "RD" zu den Stammgästen des Maulwurfs. Der aufgeregte Ausruf "Grochler kommt" ließ selbst diejenigen erschaudern, die von Drogen bestenfalls gehört hatten.

Viele der jungen Gäste waren im übrigen recht brav und hielten sich an die "erlaubte Substanz" Bier. Durchaus üblich war hierfür das Schnorren oder Zusammenlegen von Geld. Viele teilten auch bereitwillig ihre Zigaretten oder ihren Tabak und ließen andere auch schon mal vom ihrem Schmalzbrot abbeißen. Alles in allem herrschte eine sehr warme und zugleich aufregende Atmosphäre, bei der das Gruppenerlebnis und eine gemeinsame Aufbruchstimmung im Vordergrund standen. Irgendwie war jeder Einzelne Teil des Geschehens.

Trotz dieses Gemeinschaftsgefühls gab es im Maulwurf natürlich eine Hierarchie, an die sich grob gehalten wurde und die sich wie folgt darstellte: Neue Gäste, besonders jüngere, hatten ihren Platz im hinteren Raum neben den Toiletten. Gehörte man schon längere Zeit zum Publikum, stieß man in den mittleren Raum vor, dort wo die Musikbox stand und wo sich auch die "Muckerfraktion" platzierte. Älteren Stammgästen und "Durchblickern" war der eigentliche Schankraum, und dort natürlich besonders die Plätze auf den Sitzbänken am Fenster und an der Theke, vorbehalten.

Seit 1972 hatten Wolf von Woellwarth und Heiko Rothgenger die Inhaberschaft. Im Jahre 1974 entschloß man sich zu einer Renovierung, da die Nächte ihre Spuren am Inventar und in den Räumen hinterlassen hatten. Zudem wollte man den Maulwurf baulich optimieren. Die so genannte Obstweintheke, ein schmaler Gang, der dem Personal den freien Durchgang von der Theke in den hinteren Raum ermöglichte, wurde eingebaut, kam aber bei den Gästen nicht so gut an. Ein neuer riesiger runder Tisch dominierte jetzt den hinteren Raum und machte ihn irgendwie ungemütlich. Stand man vor dem Umbau zu Dritt auf einem Quadratmeter wurde es nun "unangenehm" eng. Auch die in der Folgezeit vorgenommenen konzeptionellen Änderungen, wie zum Beispiel der Live-Frühschoppen oder die auf 16 Uhr vorverlegte Öffnungszeit, wurden nicht gut angenommen und bald wieder eingestellt. Großen Anklang hingegen fanden die neu gestrichenen und von Lutz Stolle mit Wilhelm Buschs bekannten und beliebten Maulwurf-Motiven bemalten Wände. Willkommen war auch die erweiterte Speisenauswahl mit dem legendären "Maulwurftoast" und der serbische Bohnensuppe und der ebenso legendäre "Krug", den sich nicht selten eine ganze Clique teilte. Es brach auch die Zeit der Modegetränke an. Die Flaschenobstweine in den Geschmacksrichtungen Brombeer, Erdbeer, Heidelbeer, Johannisbeer, Kirsch und Stachelbeer waren, trotz ihrer "schädelerzeugenden" Wirkung, vor allem wegen des günstigen Preises von DM 3,50 sehr beliebt. Der absolute Renner war der aus Berlin palettenweise gelieferte und meist in "Runden" ausgeschenkte "Persico", der bis zur "Blausäure-Zeitungsmeldung" erheblich zu feuchtfröhlicher Stimmung beitrug. Ansonsten ging es wie gewohnt weiter, und binnen kürzester Zeit waren die Toiletten wieder mit Klosprüchen und die Tische mit allerlei eingeritzten Motiven „verziert“.  

Mit zunehmendem Alter und der gestiegenen Mobilität der vormals sehr jungen Gäste wurde der "Wurf" auch verstärkt zum Treffpunkt für weitere nächtliche Unternehmungen, wie Konzert-, Annabad- und Discobesuche, aber auch Privatfeten und Trips nach Hamburg oder in Landdiscos, denen sich oft, bis dato Unbekannte zwanglos anschlossen.

Mitte der 70er änderte sich der Zeitgeist erneut. Love and Peace, Jasmin-Tee und Räucherstäbchen waren passé und man individualisierte sich wieder mehr. Der inzwischen voll kommerzialisierte Hippie-Kult wurde nach und nach von anderen Bewegungen verdrängt, und viele Maulwurfgänger verließen ihr "zweites Zuhause". Es kam zu Abwanderungen in andere oder neuere Szenekneipen und -clubs und für einen nicht unerheblichen Teil der inzwischen volljährigen Gäste begann auch der "Ernst des Lebens", in Form des Antritts zum Wehrdienst oder des Studiums, was sehr oft mit einem Ortswechsel verbunden war. Der "Wurf" entwickelte sich zudem mehr und mehr zum Treffpunkt für eine andere Klientel. Leider hatte über die Jahre die Zahl der Konsumenten harter Drogen merklich zugenommen, und der Maulwurf galt inzwischen als ein Umschlagplatz. Unter anderem deshalb verlor der "Wurf" für viele Stammgäste zunehmend an Attraktivität. Aber auch ganz allgemein begann ein Trend weg von den Holz- hin zu den Neon-Kneipen und so ging die Ära dieses einzigartigen Treffs langsam ihrem Ende entgegen.

Im Herbst 1978 verkaufte Wolf von Woellwarth seine Anteile an Heiko Rothgenger und Peter Porwit und der "Maulwurf", bald darauf in "Quetsche" umbenannt, war Geschichte.